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Unterwegs

Camargue

Ovale zartrosa Körper auf zwei rosaroten Stelzen, die aus dem Wasser ragen, die langen, dünnen Hälse nach unten geneigt. Der Kopf der Flamingos ist nur selten sichtbar. Wenn ich Glück habe, kann ich schnell ein Foto schiessen, dann ist er wieder im Wasser. Wenn sie zum Flug ansetzen, breiten sie ihre riesigen Flügel aus und laufen auf dem Wasser, bevor sie sich erheben und als langer rosaroter Strich mit Flügeln davonziehen. Ich freue mich über jeden dieser eleganten Vögel, den ich sehe. Sie repräsentieren die Camargue. In der Woche, die wir in der kleinen Camargue (Petite Camargue) verbringen, entdecken wir noch weitere Facetten dieser einmaligen Gegend.

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Wir haben in Port Camargue in der Gemeinde Grau-du-Roi im Departement Gard eine kleine Wohnung gemietet. Sie hat alles, was man braucht und ist nur 2 Minuten vom Sandstrand entfernt. Ideal für ein erfrischendes morgendliches Bad im Meer, Wassertemperatur ist 16°, im Licht der aufgehenden Sonne 😊 Port Camargue ist Europas grösster Hafen für Vergnügungsboote, er bietet mehr als 5000 Plätze. Gros-du-Roi, 10 Velominuten entlang der Strandpromenade, hat einen schönen Fischerhafen. Einzelne Fischer verkaufen ihre Fische am Morgen früh gleich nach ihrer Rückkehr. Wir kaufen einmal zwei der frischesten Seezungen und bereiten sie am Mittag gleich zu: sehr köstlich, zusammen mit einem Glas ‘Vin de sable’, dem Rosé-Wein aus dem Sand aus dieser Gegend.

Eines Abends, als ich vom Einkaufen zurückkomme, lege ich den Sack auf den Tisch auf unserer Terrasse, während ich das Veloschloss abschliesse. Dann geht alles sehr schnell, eine freche riesige Möve schiesst an und packt den Sack mit unserem Essen drin. Wir schauen ihr nur ganz verdutzt nach. Glücklicherweise ist der Sack aber zu schwer, so dass sie ihn weiter unten in den Rasen fallen lässt – so kommen wir doch noch zu unserem Nachtessen.

Für den Ausflug nach Aigues-Mortes nehmen wir den Zug. Er fährt auf dem Damm zwischen Wasserbecken, in denen Salz gewonnen wird, daneben stehen riesige Salzberge. Wir wissen nun, woher das Salz der bekannten Marke ‘La Baleine’ kommt. Die Stadt innerhalb der imposanten Stadtmauern ist heute eine Touristenattraktion, war im 13. Jahrhundert unter dem König Louis IX, der sie gegründet hat, aber Frankreichs wichtigster Hafen. Zwei Kreuzzüge hat der streng religiöse König von hier aus organisiert. Er wurde später heiliggesprochen und Saint Louis. Auf ihn geht auch die wunderschöne Sainte-Chapelle in Paris zurück, deren Bau er in Auftrag gegeben hat.

Wir fahren mit dem Bus zurück nach Grau-du-Roi. Auf dem Heimweg kaufen wir bei einem der zahlreichen Traiteurs, die ihre feinen Essen anbieten, eine Paella royal ein, die wir in der Wohnung nur noch aufwärmen. Zur Paella gibt’s ein gutes Glas Rotwein aus der Gegend nördlich von Montpellier.

Die Camargue ist ein riesiges Naturschutzgebiet. Wo wir hinkommen, stellen wir fest, dass Behörden und Bewohner sich der Einzigartigkeit des Rhône Deltas bewusst sind. Touristenwege sind klar bezeichnet; wir sollen diese nicht verlassen, um Fauna und Flora zu schützen. Der Frühling ist die beste Saison für den Besuch des Vogelparks in Pont de Gau. Verschiedene Reiherarten beobachten wir, kleine zerzauste Fischreiher gucken über den Nestrand. Gruppen von Flamingos sehen wir aus nächster Nähe; auch einige Bisamratten, sie wir zuerst mit Bibern verwechseln, entdecken wir. Die Zeit verfliegt im Nu, erst nach 3 Stunden verlassen wir den Park und fahren dann hungrig ein paar Kilometer weiter ins bekannte Saintes Maries de la Mer.

In der Arena findet gerade ein Stier-Wettkampf (Course camarguaise) statt, während wir vis-à-vis einen Salat essen. In diesen Wettbewerben versucht der Kämpfer, ein auf den Hörnern des Stiers befestigtes Attribut zu ergattern. Der Stier wird dabei nicht getötet. Nach dem Essen besuchen wir die berühmte, den beiden heiligen Marien gewidmete Kirche. Gemäss der Legende soll die Mutter Gottes und eine zweite mit Jesus verwandte Maria hier um das Jahr 45 mit einer Barke angekommen sein. Sie werden als erste christliche Botinnen des Evangeliums verehrt. Die Kirche ist sehr eindrücklich, es sollen Reliquien der Mutter Gottes da aufbewahrt werden. Jedes Jahr finden hier drei grosse Pilgerfeste statt, an denen vor allem Zigeuner und Reisende teilnehmen – dann liegt das kleine Dorf mit seinen weissen Häusern wohl nicht so ruhig und friedlich da wie heute.