Bristol – Exeter – London

Bohnen mit Tomatensauce, Rührei, Tomaten, Champignons und zum Abschluss noch einem Müesli – mit einem englischen Frühstück stärke ich mich jeweils, bevor ich losziehe. Am sonnigen Montagmorgen geh‘ ich dem Avon entlang zum Hafen, zuerst durch ein Quartier mit modernen Bürogebäuden, danach typische englische Backsteinbauten. Gestern bin ich nach einer langen Reise mit dem Zug über Paris, mit dem Eurostar unter dem Ärmelkanal nach London, in Bristol, der zweitgrössten Stadt Südenglands (ca. 480’000 Einwohner), eingetroffen. Im Hafen ist viel los. Die früheren Docks beherbergen heute Bars, Restaurants und Galerien, auf dem Avon herrscht ein reger Verkehr von Schiffen, Ruderern und Fähren. Eine alte Dampflokomotive mit 2 offenen Wagons fährt gerade vor. Ich kaufe schnell ein Billett, da können sich meine müden Beine etwas erholen. Sie dampft und pfeift im Schritttempo dem Avon entlang durch die vielen Touristen hindurch. Betrieben wird die Bahn von Rentnern und Freiwilligen, die sichtlich Spass haben bei ihrer Arbeit. Eine gute Viertelstunde später steige ich am Eingang zur SS Great Britain aus.

Die SS Great Britain ist das erste Dampfschiff mit Propeller und Stahlrumpf, vom berühmten englischen Ingenieur I.K.Brunel (1806-1859) konzipiert. In Brunels Kopf sind auch die Great Western Railway, der Londoner Bahnhof Paddington oder die Clifton Hängebrücke entstanden.

Die imposante Clifton Hängebrücke, 74m über dem Avon, überquere ich am nächsten Tag. Clifton, ein Quartier von Bristol, gefällt mir sehr gut mit seinen kleinen, gut gepflegten Häusern und vielen ‚gluschtigen‘ Restaurants. Schade, dass ich am Vormittag hier bin, ich habe noch keinen Hunger. Ich nehme den Bus zurück ins Zentrum. Bis ich jeweils verstanden habe wie die Busse funktionieren bin weitergereist: verschiedene Betreiber, Rückfahrt über einen anderen Weg – und Linksverkehr -> Haltestelle nicht auf der gewohnten Strassenseite.

Beide Kathedralen der anglikanischen Kirche in Bristol sind gotische Meisterwerke. St.Mary Redcliff finde ich gar die schönste Kathedrale, die ich je besucht habe. Im Bristol Museum finden sich Sammlungen von Dinosauriern, Porzellan, moderner Kunst, Banksy, Wallace and Gromit ein altes Flugzeug… ein unübliches Nebeneinander. Es ist ein lebhafter Ort, weil es auch einen Parcours für Kinder gibt. Die Museen, die ich in London besuche, sind im selben Stil: Gegensätze zwischen alt und modern, Ateliers und interaktive Posten, die Familien mit Kindern anziehen. Ein Besuch im Pub wird schnell zu einer täglichen Gewohnheit. Pub ist übrigens die Abkürzung von Public House, also da, wo sich alle treffen. Ich mag die Stimmung und die originellen Einrichtungen aus dunklem Holz. Das Craft Beer ist eine Entdeckung, es ist ungefiltert, nicht pasteurisiert und leicht. Manchmal esse ich dazu und finde es immer gut, Fish and Chips oder am Sonntagmittag die englische Tradition Sunday Roast mit geschmortem Rindsbraten, diversen Gemüsen, Kartoffeln und Yorkshire Pudding (Mehl-Eier-Milch/Wasser Gebäck).

Der Ausflug an die englische Riviera, nach Torquay, ist ein herrlicher Sommertag. Ich schwimme, esse Eis und spaziere dem Meer entlang, richtig Ferien.

Der anonyme Graffiti Künstler Banksy soll aus Bristol stammen, aus dem Quartier Stokes Craft. Hier ist jede freie Hauswand bemalt. Keine Wandmalerei ist so einfach, treffend und berührend wie jene von Banksy.

In anderen Stadtteilen stosse ich immer wieder auf das Thema Sklavenhandel. Im Museum zur Geschichte Bristols lese ich dann, dass die bedeutende Handelsstadt im 18. Jh. viel Reichtum angehäuft hat mit Wolle, Tabak und leider auch mit Sklavenhandel.

Im römischen Bad in Bath stelle ich mir vor, wie es hier vor 2000 Jahren war. Aus der selben Quelle, aus 3 km Tiefe, sprudelt auch heute noch 40-grädiges Wasser. Dies auch ins Gebäude nebenan, wo ein modernes Spa eingerichtet ist. Ich gönne mir da 2 Stunden Entspannung und Genuss. Am Eingang werde ich mit Bademantel und -tuch ausgerüstet, Smartphones werden eingeschlossen, eine gute Idee.

Im schönen Bath fühle ich mich wie in einer anderen Zeit – vor allem als ich am Nachmittag das Jane-Austen-Haus besuche und mit ‘Hi Darling’ begrüsst werde. Es ist ein Ausflug ins Ende des 19. Jh., die Angestellten tragen Kleider mit Blümchenmuster, Frisuren aus der Zeit, die Männer Zylinder. Eine Führung mit Infos über Janes Familie gehört zum Besuch.

Nach 4 Tagen in Bristol reise ich per Cross-Country Zug in den Süden nach Exeter (Devon). Trockene Weiden und viele Schafe ziehen am Zugfenster vorbei. Exeter ist mit ca. 125’000 Einwohnern kleiner als Bristol. Mein Premier-Inn-Hotel ist glücklicherweise nur 5 Fussminuten vom Fluss Exe entfernt, und so bin ich schnell am Fluss und in der Natur, denn manchmal habe ich etwas genug Stadt.

Die alten Docks sind zu Pubs oder Shops umgebaut, und es ist Ferienstimmung hier. Mit einem gemieteten Velo radle ich einmal dem Exe-Kanal entlang nach Topsham, wo Fluss und Kanal in den Ärmelkanal münden. Eine Schleuse trennt den Kanal vom Meer, es gibt hier einen kleinen Hafen mit einigen Booten, daneben steht ein altes Hotel. Ein Ort zum Verweilen, alles ist ruhig und friedlich, ich hole mir einen Cider, setze mich in den Garten und geniesse die Herbstsonne. Fast etwas zu lange! Ich muss sehr schnell fahren, um das Velo rechtzeitig zurückzubringen, ich verfahre mich noch und komme richtig ins Schwitzen. Kurz vor Ladenschluss ist das Velo aber wieder an seinem Platz.

Sonntagabend besuche ich ein Konzert der Country Band von Alan Fletcher: eine Entdeckung. Die Musik ist toll, und ich komme mit der netten Engländerin, die neben mir sitzt, ins Gespräch. Sie gibt mir viele gute Ausflug Tipps für die nächsten Tage. Wir haben uns in der kurzen Zeit so gut verstanden, dass wir uns zum Abschied umarmen. Der Abend ist ein richtiges Highlight.

Seit vielen Jahren kenne ich, aus den Sozialmedien, das Donkey Sanctuary in Sidmouth. Das Eselheim ist das Kompetenz Zentrum für Esel, riesige Anlage mit Spazierwegen zwischen Eselweiden, Ausstellungen, Gärten und einem Restaurant. Es beherbergt im Moment 200 Langohren. 1 ½ Std brauche ich für die Reise hierhin mit dem Überlandbus von Exeter. Wo man hinschaut gibt es Langohren. Ein besonderer Moment ist das Mittagessen zusammen mit anderen Eselfreunden, abentheuerlich wird die Suche nach einem Bus für die Rückreise. Alle kommen mit Autos, Infos zu Bussen sind spärlich. Eine klar signalisierte Bushaltestelle gibt’s nicht. Ich finde überhaupt nichts, kann mich dann aber glücklicherweise anderen Busfahrern anschliessen, die mir erklären, dass ein Betondeckel im Rasen eine Haltestelle bedeutet!! Tatsächlich hält der richtige Bus kurz darauf und nimmt uns mit, uff!

Von Exmouth im Süden von Exeter zieht sich die berühmte Jurassic Coast 150 km nach Osten in die Grafschaft Dorset. Ich nehme hier während 3 Std. an einer windigen, spannenden Bootsfahrt entlang der orange leuchtenden Klippen aus rotem Sandstein teil. Wir beobachten hier Sedimentgesteinsschichten aus 185 Mio. Jahren Erdgeschichte – faszinierend. Zurück in Exeter wärme ich mich in einem Pub mit Fish and Chips und einem Cider auf. Für das englische Nationalgericht wird übrigens meistens Schellfisch oder Dorsch verwendet.

Zum Abschluss meiner Reise verbringe ich noch 3 Tage in London. 4 ½ Std. bin ich mit einer langsamen und gemütlichen Überlandbahn unterwegs. Als der Zug in London Waterloo zwischen den riesigen und modernen Wolkenkratzern einfährt bin ich ganz aufregend. Mein Hotel liegt im schönen, noblen Kensington. Beim Spaziergang im enorm grossen Kensington Garden Park zeigt sich deutlich, dass auch England diesen Sommer unter Trockenheit und Hitze leidet, wie ganz Europa. Die Eichhörnchen flitzen und Gänse und Enten watscheln auf braunem, verdorrtem Rasen umher.

Das Victoria und Albert Museum schlägt alles, was ich bis anhin gesehen habe. Die Idee von Albert, Königin Victorias Ehemann, war, eine Art Enzyklopädie von Meisterwerken aus der ganzen Welt einzurichten, um das Volk zu inspirieren. Reisen war in der 2. Hälfte des 19. Jh. ja nur einer Minderheit vorbehalten. Das Museum beherbergt unzählige Kopien von bedeutenden Kunstwerken. Neben den Skulpturen lasse ich mich von Raffael Originalen beeindrucken. Dann ist genug, mehr kann ich bei diesem Besuch nicht mehr aufnehmen.

Einen sehr sympathischen Abend verbringe ich in Surbiton (Vorort von London). Ich habe das Glück, bei der Luzernerin Bea und ihrem englischen Mann Paul in ihrem schönen und geschmackvoll eingerichteten viktorianischen Haus eingeladen zu sein.

Das Gefühl, keine Ahnung zu haben in welche Richtung es weiter geht ist total unangenehm! Dauert aber nie lange, denn es gibt ja das Navigationsprogramm auf dem Smartphone. Für das moderne Design Museum brauche ich es – und es lohnt sich. Ich erkenne viele Gegenstände aus meinem Alltag, zu denen ich mir nie einen Gedanken zu ihrem Design gemacht habe. Danach ist Tea-Time, bei dem warmen Herbstwetter auf der Terrasse im Park des Museums. 

Ich möchte noch 2 Beobachtungen erwähnen, die sich in den beiden Wochen in Südengland immer wieder bestätigen. Ich treffe oft auf gut gelaunte, hilfsbereite Menschen: beim Fragen nach einer Auskunft, im Bus, mit meinem Koffer am Fuss einer langen Treppe, oder als mein Koffer ungeschickterweise im Gate zur U-Bahn stecken bleibt… es fällt mir auch auf, dass Kinder und behinderte Menschen besser im öffentlichen Leben integriert sind als bei uns. Insgesamt ist die Gegend angenehm zu bereisen, vielfältig und interessant, ich bin wirklich begeistert.

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